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50 Jahre Magazin Pattensen

1972-2022

Die Vorgeschichte

Schon aus den Jahren 1935 bis 1938 datieren wegen dringenden Raumbedarfs Neubaupläne für das damalige Preußische Staatsarchiv Hannover, die aber unausgeführt blieben. In der Nacht vom 8./9. Oktober 1943 wurde das Archivgebäude in der Calenberger Neustadt bei einem Luftangriff von Brandbomben getroffen. Der Westflügel brannte völlig aus; das Archiv verlor ca. 20 % seiner Bestände, sämtliche Findmittel und die Dienstbibliothek.

Das teilweise zerstörte Archivgebäude wurde in den Jahren 1949 bis 1952 wiederhergestellt. Der Platzmangel blieb trotz der Kriegsverluste ein drängendes Problem. Daher wurde ein ausgedienter Luftschutzbunker im Sahlkamp als provisorisches Ausweichmagazin angemietet.



Dennoch verschärfte sich die Raumnot, so dass kaum noch neues Archivgut aufgenommen werden konnte. Anfang der 1960er Jahre kam daher die Bauplanung wieder auf die Tagesordnung. Auf dem Höhepunkt des „Kalten Krieges“ fiel 1962 die Entscheidung, in größerer Entfernung vom Stadtzentrum Hannovers eine erweiterungsfähige Anlage mit Magazinkellern zu errichten, die auch als Luftschutzbunker dienen könnten.

Die Planungen des Magazins in Pattensen

Anfang 1963 fiel die Entscheidung für ein neues Magazin des Staatsarchivs Hannover außerhalb der Stadt. Im September wurde erstmals Pattensen als möglicher Standort genannt. Nach Besichtigung mehrerer Baugrundstücke kam im Mai 1964 das Gelände am Lüderser Weg, in ca. 15 km Entfernung vom Hauptgebäude in Hannover, in die engere Auswahl. Ein Jahr später gab das Finanzministerium grünes Licht für die Kaufverhandlungen. Im Dezember 1965 lag der Vor-entwurf des Staatshochbauamtes vor. Aufgrund der ersten Nachkriegsrezession genehmigte ihn das Finanzministerium aber erst im März 1968 mit festen Gesamtkosten von 7.930.000 DM.

Das früher als Kiesgrube genutzte Grundstück war aufgrund der Abbauarbeiten in Nord-Süd-Richtung von einer Böschung durchzogen. In die dadurch entstandene Vertiefung, die im Gelände einen Höhenunterschied von ca. 3 m ausmachte, sollte das Magazingebäude eingefügt werden.

Die Bauarbeiten begannen im April 1969, am 16. Dezember 1970 wurde Richtfest gefeiert. Am 2. Juni 1972 übergab das Staatshochbauamt Hannover I das Gebäude schließlich an das Hauptstaatsarchiv, in den nächsten beiden Monaten wurde es belegt. Erst jetzt konnte der Bunker im Sahlkamp geräumt werden.



Die neuen Gebäude

Das zweigeschossige, als Flachbau errichtete Magazingebäude hat eine Länge von 57 m und eine Breite von 63 m. Jedes Geschoss ist durch ein Gangkreuz in jeweils vier Kammern untergliedert. Das untere Geschoss befindet sich voll-ständig unter der Erde und ist mit einer trümmersicheren Decke versehen, so dass selbst im Katastrophenfall keine Archivalienverluste zu befürchten sind.

An das Magazin schließt sich nach Süden hin ein um einen Innenhof (Atrium) angelegtes Verwaltungsgebäude mit Anmeldung, Lesesaal, Findbuchzimmer, Büroräumen, Werkstatträumen, Technikräumen und Garagen an. Das Untergeschoss des Verwaltungsgebäudes ragt nur zum Teil in die Böschung der alten Kiesgrube hinein, so dass es sich nicht vollständig unter der Erde befindet. Außerdem gehört ein Haus mit zwei Dienstwohnungen zu der Gesamtanlage.





Zur dauerhaften Erhaltung von Papier und Pergament ist es erforderlich, Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit in den Magazinkammern möglichst ohne Schwankungen auf bestimmten Werten zu halten. Durch eine aufwändige Technik wird erreicht, dass die Raumtemperatur konstant bei 15 bis höchstens 18° C liegt und die Luftfeuchtigkeit 55 Prozent nicht überschreitet.

Die Raumkapazität

Bei der Eröffnung standen rund 32 Regalkilometer in Standregalen zur Verfügung, verteilt auf acht Hauptkammern sowie kleinere Zusatzräume. Im Lauf der Jahrzehnte füllten sich die Regale mit archivwürdigem Schriftgut.

Seit dem Jahr 2000 gelangen sämtliche Neuzugänge der Abteilung Hannover (mit Ausnahme von Karten und Bildgut) nach Pattensen. Durch die Umrüstung von sieben Kammern auf Rollregalanlagen 2004-08 erhöhte sich die Kapazität auf gut 40 Regalkilometer. Gleichzeitig wurde die achte Kammer in dringend benötigte Bereiche für Neuzugänge, Arbeitsplätze zur Reinigung an Sicherheitswerkbänken und zur Verpackung sowie für Materiallager umgebaut. Für zukünftige Erweiterungen ergeben sich Möglichkeiten durch die Aufstockung der Magazine bzw. das Wiesengrundstück hinter dem Gebäude.

In ähnlicher Weise lagern hier jetzt noch Akten der 2004 aufgelösten Bezirksregierung Hannover.







Das Zwischenarchiv

Hinzu kam zeitweise das sogenannte Zwischenarchiv mit den Altregistraturen der Ministerien. Das hatte Vorteile für beide Seiten: In den Ministerien wurde Platz gewonnen, obwohl für die Akten noch Aufbewahrungsfristen liefen, und diese blieben bei Bedarf ausleihbar; auf Archivseite konnte allmählich die Bewertung der Akten und Übernahme des archivwürdigen Teils erfolgen, zugleich wurden Aktenvernichtungen aus Platzmangel ohne Archivbeteiligung unwahrscheinlicher. Im Jahr 1993 machten die Regelungen des Niedersächsischen Archivgesetzes das Zwischenarchiv überflüssig. Seitdem ist es durch Herabstufen der Aufbewahrungsfristen, Bewertungen und Kassationen fast vollständig abgebaut worden.

Die Zentrale Werkstatt

Während die modernen Magazine bei ihrer Errichtung einen wichtigen Schritt für die passive Bestandserhaltung darstellten, wurde bereits von Beginn an auch an die aktive Bestandserhaltung gedacht und eine Werkstatt für Buchbinde- und Restaurierungsarbeiten eingerichtet. Heute ist diese mit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, neben der Werkstatt in Bückeburg, einer der beiden Standorte der Zentralen Werkstatt des Niedersächsischen Landesarchivs. Schimmel, Schmutz, mechanische und eine Vielzahl anderer Schäden können nicht nur die Benutzbarkeit der Bestände des Landesarchivs einschränken, sondern bedrohen bedeutendes schriftliches Kulturgut in seiner physischen Existenz.

In der Zentralen Werkstatt werden im Rahmen des Restaurierungsprozesses geschädigte Papiere in Trocken- und Nassverfahren gereinigt. Es werden Fehlstellen ergänzt, Pergamente geglättet, Siegel restauriert und somit das unikale Schriftgut Forschung und Benutzung wieder zur Verfügung gestellt



Im Kampf gegen den sauren Papierzerfall, der Papier der Entstehungszeit von circa 1850 bis 1990 langsam zersetzt, betreibt das Landesarchiv in Pattensen eine Anlage zur maschinellen Entsäuerung von Einzelblättern. Außerdem bildet die Zentrale Werkstatt in Pattensen regelmäßig Auszubildende im Buchbinderhandwerk aus.

Nutzung von Archivgut in Pattensen

Zur Einsichtnahme in Archivalien steht ein Lesesaal mit sieben Arbeitsplätzen zur Verfügung. Dazu gehören die technische Ausstattung für Schutzmedien (Digitalisate oder Mikrofiches) und Anschlüsse für eigene Notebooks. Auch eine kleine Dienstbibliothek ist vorhanden.

Archivgut, das im Magazin Pattensen lagert, kann dort benutzt oder in den Hauptlesesaal nach Hannover bestellt werden. Dafür fährt der Dienstwagen regelmäßig. Einige Bestände können nur in Pattensen genutzt werden: Urkunden im Original (v.a. Beständegruppen Cal./Celle/Hild. Or., Urkunden in Deposita) und Personenstandsunterlagen (Bestände Pers.). Bestellungen erfolgen im Regelfall online über das Archivinformationssystem Arcinsys. Eigene Digitalaufnahmen (z.B. mit Digitalkamera oder Smartphone) als Arbeitskopien sind möglich. Während der Sanierung des Hauptgebäudes in Hannover zwischen Sommer 2016 und Sommer 2021 fand die gesamte Nutzung in Pattensen statt.

Aufgaben und Personal heute

Aufgabenschwerpunkte sind weiterhin die fachgerechte Ver-packung und Magazinierung, Erhaltung und Restaurierung des Archivgutes. Darüber hinaus werden schriftliche Anfragen beantwortet, Archivalien für die Nutzung bereitgestellt und auch verzeichnet. Im Buchbinderhandwerk wird ausgebildet, und auch die archivfachlichen Ausbildungsgänge machen hier Sta-tion.

So wirken das „Magazin Pattensen“ und seine heute rund 30 Beschäftigten entscheidend daran mit, dass im Sinne des Nds. Archivgesetzes alles Schriftgut von „bleibendem“ historischem Wert von Behörden und Gerichten des Landes oder von ande-rer Seite als Deposita (Archivgut nichtstaatlicher Eigentümer) gesichert wird und für verschiedenste amtliche, rechtliche, wis-senschaftliche und private Nutzungen jetzt und in Zukunft zur Verfügung steht.

Redaktion

Die virtuelle Ausstellung wurde aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Magazins zusammengestellt. Beiträge von: Dr. Detlef Busse Dr. Christian Hoffmann Dr. Bernhard Homa Hildegard Krösche und Dr. Nicolas Rügge (alle NLA - Abteilung Hannover) Technische Umsetzung Christian Manuel Meyer (NLA - Abteilung Zentrale Dienste)